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Volker
Labes, Berlin. 18.07.2009. (Arkivfoto: Jan Hansen - sfm.no)
Wer notgedrungen
aufs Auto umsteigt, steht noch schneller als sonst im Stau, weil auf
mehreren wichtigen Verkehrsadern gleichzeitig gebaut wird. Selbst
ein Flugticket ist kein Freifahrtschein in die Stadt: Aus Protest
gegen eine neue Gebühr, die sie an die Flughafengesellschaft
abführen sollen, haben die Taxifahrer bereits zweimal gestreikt und
das Chaos damit komplett gemacht.
Das
Chaos begann am 1. Mai im Osten der Hauptstadt. Bei der
Einfahrt in den Bahnhof Kaulsdorf bricht am letzten Wagen der
S-Bahn-Linie 5 ein Rad. Der Zug entgleist, doch weil der Fahrer
schon stark abgebremst hatte, wird glücklicherweise niemand
verletzt. Der Rest ist Routine. Neun Stunden nach dem Unfall fährt
die S 5 wieder nach Plan. Dem Eisenbahn-Bundesamt verspricht die
Berliner S-Bahn, alle sieben Tage die Radsätze der Züge zu
kontrollieren.
Zehn Wochen später steht
der öffentliche Nahverkehr in Berlin vor dem Kollaps. Bei
Nachprüfungen hat das Bundesamt festgestellt, dass die
Wartungsintervalle nicht eingehalten werden, und hat vorübergehend
Hunderte von Zügen stillgelegt. Zeitweise sieht es sogar danach aus,
als könnte der S-Bahn-Verkehr mit mehr als einer Million Fahrgästen
pro Tag komplett zum Erliegen kommen. Nicht einmal ein Drittel der
630 Züge ist noch einsatzfähig.
Zwar
hat Bahn-Chef Rüdiger Grube inzwischen den kompletten
Vorstand der S-Bahn entlassen, doch auch unter dem neuen Management
ist der Fortschritt offenbar eine Schnecke. Ein eilends
zusammengepuzzelter Notfahrplan mit kürzeren Zügen und längeren
Wartezeiten hielt nur eine Woche - bis die Bahn weitere Waggons aus
dem Verkehr zog, um sie überprüfen zu lassen. Nicht nur die bei
Berlin-Urlaubern beliebte S 1 zum Wannsee und weiter nach Potsdam
ist notorisch überlastet. Auch Tausende von Fans, die im August zur
Leichtathletik-WM ins Olympiastadion wollen, müssen vermutlich noch
mit Einschränkungen rechnen.
Zum drohenden
Verkehrsinfarkt hat Bürgermeister Klaus Wowereit lange geschwiegen,
obwohl sein Senat die Verträge mit der Bahn ausgehandelt hat. Im
nächsten Jahr sollte die S-Bahn ihrer Mutter 125 Millionen Euro
Gewinn abliefern - während das Land Berlin zugleich mehr als 200
Millionen Euro als Zuschuss an die S-Bahn überweist.
Auch
nach einem Gespräch Wowereits mit Bahn-Chef Grube in der
vergangenen Woche waren die Berliner nicht wirklich schlauer. Die
Kunden erwarteten zu Recht, dass der alte Fahrplan schnell wieder
gelte, sagte der Bürgermeister lapidar. Kein Wunder: Sein neuer
Finanzsenator will die Preise im Nahverkehr so rasch wie möglich
erhöhen.
Doch erst einmal ruht ab
Montag der S-Bahn-Verkehr auf der wichtigen Ost-West-Verbindung
zwischen Bahnhof Zoo und Ostbahnhof für zweieinhalb Wochen. Auch die
U-Bahn-Linie 2 durch Prenzlauer Berg ist durch Bauarbeiten teilweise
lahmgelegt. Und bereits jetzt drängeln sich Touristen und Pendler
gefährlich eng an den Bahnsteigen. Straßenbahnen und Busse sind
überfüllt, viele Straßen verstopft. Kinderwagen und Fahrräder haben
in den Zügen oft gar keinen Platz mehr. U-Bahnen, Straßenbahnen und
Busse sollen jetzt als Ersatz öfter fahren. |